Hochsensible Personen stehen oft unter Stress, da sie von äußeren Reizen und den Gefühlen anderer übermannt werden. Gleichzeitig fällt es ihnen jedoch sehr schwer, Grenzen zu setzen und auch mal ein klares „Nein“ zu äußern. Warum das so ist und wie man lernen kann, sich trotz Hochsensibilität abzugrenzen, erfährst Du hier.

 

Für Hochsensible ist Abgrenzung oft ein Problem

Wer für sich selbst keine klaren Grenzen definiert, fühlt sich schnell durch äußere Einflüsse und andere Menschen übermäßig belastet. Für eine hochsensible Person ist es oft schwierig, den Punkt zu erkennen, an dem die Belastung wirklich zu viel wird. In Konfliktsituationen geraten hochsensible Personen schnell unter Stress, deshalb versuchen sie, Konflikte so gut wie möglich zu meiden.

Außerdem haben sie sehr feine Antennen für die Gefühle der anderen Personen, weshalb sie diese auf keinen Fall verärgern wollen. Lieber stellen sie die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund, damit es den anderen gutgeht. Vor allem aber wollen sie nicht, dass andere sie für unhöflich, unaufmerksam oder gar egoistisch halten.

Sie haben Angst davor, dass sich andere belästigt fühlen könnten, wenn sie selbst offen sagen, dass sie das Verhalten anderer oder die Lautstärke stört. Deshalb erdulden sie lieber eine Reizüberflutung, statt ihr eigenes Befinden anzusprechen.

Hochsensible haben meist zwei große Problemfelder:

eine geringe Belastbarkeit durch eine erhöhte Reizüberflutung
einen geschwächten Wahrnehmungsfilter und dadurch keine Selektion, welche Einflüsse an sich herangelassen und welche abgeblockt werden

Beides steht ihnen oft als Hindernis im Weg. Deshalb ist es umso wichtiger, zu lernen, wann es durchaus angebracht ist, einmal „Nein!“ oder „Jetzt reicht es!“ zu sagen. Denn Abgrenzung ist für hochsensible Menschen ein wichtiger Selbstschutz, um das Leiden und den inneren Stress zu reduzieren.
 

Welche Grenzen sind für Hochsensible wichtig?

Hochsensible Personen müssen lernen, einerseits anderen Menschen eine Grenze zu setzen, andererseits aber auch für sich selbst Grenzen zu definieren:

äußere Grenzen:
Hier gilt es, anderen gegenüber offen auszusprechen, wenn ihnen etwas zu weit geht oder etwas als unangenehm und störend empfunden wird. Äußere Grenzen dienen als Selbstschutz und fördern das Durchsetzungsvermögen.

innere Grenzen:
Hier gilt es für hochsensible Personen, für sich selbst die Grenzen zu setzen, ab wann äußere Reize unangenehm sind und nicht mehr ertragen werden können, z.B. laute Geräusche, unangenehme Gerüche, unangemessenes Verhalten anderer, die emotionale Aufnahme der Befindlichkeiten anderer etc.

Grundsätzlich ist es eine große Gabe, Empathie zu empfinden. Doch sobald diese Gabe in Stress und Unbehagen ausartet, müssen Grenzen gezogen werden. Um von der Hochsensibilität nicht übermannt zu werden und unter permanentem Stress zu leiden, sind diese Grenzen äußerst wichtig. Sie müssen jedoch nicht in Stein gemeißelt sein und können sich auch je nach Situation verschieben oder auflockern.

 

Wie es Hochsensiblen gelingen kann, Grenzen zu setzen

Grenze heißt nicht Mauer. Um Deine Grenzen zu definieren, musst Du keine unüberwindbare Mauer um Dich herum bauen und Dich ganz abschotten. Dich abzugrenzen bedeutet lediglich, dass Du Deine eigenen Bedürfnisse nicht ignorierst und Dich öfter traust, dafür einzustehen. Diese Schritte können Dir dabei den Weg zeigen:
 

Bedürfnisse erkennen:
Finde heraus, was Dir wichtig ist, wofür es sich lohnt, Zeit und Energie zu investieren. Grenze diese Dinge für Dich persönlich von den anderen Verantwortlichkeiten und Gefallen ab, die Du nur anderen zuliebe tust. Widme Dich mehr den wichtigen Dingen, die Deinen Bedürfnissen entsprechen und versuche die „Pflichtaufgaben“ zu reduzieren. Das gilt nicht nur im Umgang mit Bekannten oder Kollegen, sondern auch in einer Beziehung. Denn Hochsensible neigen gerne dazu, die eigenen Bedürfnisse denen des Partners unterzuordnen.
 

Grenzen akzeptieren:
Akzeptiere, dass andere Menschen Grenzen haben. Für manche hochsensible Person ist das gar nicht so einfach. Doch es wird Dir wesentlich leichter fallen, Deine eigenen Grenzen zu setzen, wenn Du akzeptierst, dass die anderen ebenfalls einen Punkt haben, der nicht überschritten werden darf. Oft haben Hochsensible in der Kindheit von den Eltern keine Grenzen gesetzt bekommen und finden sich im Erwachsenenalter nicht zurecht. Doch auch andersherum kann es sein, dass die Grenzen in der Kindheit nicht respektiert und überschritten wurden und im Erwachsenenalter nun nicht mehr klar definiert werden können.
 

Schuldgefühle überwinden:
Schuldgefühle hindern Dich daran, auch mal Nein zu sagen? Dann solltest Du der Ursache auf den Grund gehen. Oft liegt der Auslöser für Schuldgefühle in der Kindheit, der unser weiteres Leben beeinflusst. Vielleicht liegen sie sogar in der eigenen Familie begraben. Doch lass die Schuldgefühle nicht Deinen Alltag und Deine Entscheidungen bestimmen.
 

Angst ablegen:
Lege die Angst ab, andere Menschen zu kränken oder sie als Freunde zu verlieren, wenn Du Deine Bedürfnisse äußerst und auch einmal Nein sagst. Hochsensible Personen plagt oft eine tiefe Angst vor Liebesverlust, die meist in der Vergangenheit begründet liegt, jedoch mit den meisten Menschen, die uns täglich umgeben, nicht im realen Zusammenhang steht. Oft sind solche Ängste völlig unbegründet. Deshalb wage den Versuch, bei nächster Gelegenheit Deine Belastungsgrenze zu äußern. Der erste Schritt wirkt für viele wie eine Befreiung.
 

Freundlich bleiben:
Eine Grenze deutlich zu setzen bedeutet nicht, dass ein Nein unhöflich oder schroff sein muss. Ein charmantes „Nein, diesmal nicht“ oder „Das wird mir im Moment zu viel“ wird Dir niemand übelnehmen. Wenn Du gelernt hast, Nein zu sagen, fällt es Dir viel leichter, bei schönen Aufgaben und Angeboten mit ganzem Herzen wieder Ja zu sagen.
 


Sich abzugrenzen ist ein Lernprozess, der nicht von heute auf morgen abläuft, sondern sich oft über Jahre hinweg entwickelt. Manche dieser Hürden kannst Du vielleicht mit ein bisschen Zeit und Geduld selbst überwinden. Für manche kann es hilfreich sein, sich einer Gruppe mit Gleichgesinnten anzuschließen oder sich professionelle Hilfe von einem Coach oder Therapeuten zu holen.