Es gibt Lebensphasen, die stark von der Sorge für andere geprägt sind: Die Kinder sind noch klein oder die Eltern brauchen mehr Hilfe und Zuwendung als zuvor. Manchmal kommt beides sogar zur gleichen Zeit und fordert einem viel ab. Aber: Nur wer regelmäßig Kraft schöpft, kann wirklich für andere da sein. Wie Dir eine gute Balance zwischen Sorge um andere und Selbstfürsorge gelingen kann, erfährst Du in diesem Beitrag.

Warum das Erlernen von Selbstfürsorge so wichtig ist

Gehst Du in Deiner Aufgabe als Elternteil völlig auf und willst, dass es Deinen Kindern gutgeht? Vergisst Du dabei oft auch an Deine eigenen Bedürfnisse zu denken? Oder kümmerst Du Dich rührend um Deine Eltern, die inzwischen Hilfe oder gar Pflege benötigen; denn Du willst ihnen die Liebe zurückgeben, mit der sie Dich aufgezogen haben? Es gibt viele Situationen, in denen wir unser eigenes Wohl vernachlässigen, weil uns andere Menschen wichtiger sind. Ja, es ist ehrenhaft die Bedürfnisse des anderen auch einmal vor unsere eigenen zu stellen. Wenn wir jedoch dauerhaft kein gesundes Gleichgewicht zwischen der Sorge um andere und einer Fürsorge für uns selbst finden, können wir daran allmählich kaputt gehen. Wenn uns selbst die Kraft fehlt, gibt es auch keine Kraft mehr, die wir anderen schenken können.

Es mag vielleicht nicht in Deinem Naturell liegen, doch manchmal ist es einfach wichtig, dass Du Dich an die erste Stelle setzt und andere warten lässt. Das heißt nicht, dass Du Dir ab jetzt Deinen Weg mit den Ellbogen nach vorne bahnen sollst. Es heißt einfach nur, dass Du hin und wieder an Dich und Deine eigenen Kräfte denken musst, um Deine Akkus wieder aufzuladen. Denn nur dann kannst Du Deine wertvolle Energie auch wieder an andere Menschen weitergeben.

Wenn Du hingegen immer nur gibst, ohne Dir selbst auch mal etwas Ruhe und Entspannung zu gönnen, wirst Du schnell an die Grenzen Deiner Kräfte stoßen. Dann bist Du eines Tages physisch und psychisch gar nicht mehr in der Lage, für andere zu sorgen. Deshalb gilt: Ignoriere Deine Bedürfnisse nicht und nimm Dir Zeit für Dich! Sag Dir hin und wieder: Ich bin raus! – aus Stress und Erwahrtungswahn.

Wie lernt man Selbstfürsorge?

Diese Frage stellen sich immer wieder die Menschen, die eine ausgeprägte soziale Ader haben und gar nicht anders können, als ihren Mitmenschen zu helfen und für sie zu sorgen. Was sie dabei völlig außer Acht lassen, ist die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen. Das geht sogar so weit, dass sie bei der Fürsorge für andere ganz vergessen, auch für sich selbst zu sorgen.

Deshalb ist der erste Schritt zu einer angemessenen Selbstfürsorge, sich zunächst wieder auf sich selbst zu besinnen, sich selbst zu spüren und die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, um dann die Erkenntnisse über sich selbst Schritt für Schritt umzusetzen:


•    Lerne Dich selbst kennen

Du bist immer für andere da, doch wer bist Du eigentlich? Was ist Dir wirklich wichtig im Leben und was macht Dich glücklich? Was sind Deine Bedürfnisse? Und gehst Du mit Dir genauso liebevoll um, wie mit den Menschen, für die Du sorgst? Richte den Blick auf Dich selbst, um zu erfahren, was Du – Dein Körper und Deine Psyche – brauchst.

Es ist eine gute Übung, Dich als andere Person zu sehen: Was würdest Du tun, damit es dieser Person gutgeht? Es mag paradox und absurd klingen, aber während Du Deinen Kindern, Deinen Eltern oder anderen Menschen immer wieder sagst, sie sollen regelmäßig essen, trinken und ausreichend schlafen, sind es oft genau diese Grundbedürfnisse, die Du bei Dir selbst vernachlässigst. Übermüdet und hungrig schleppst Du Dich erschöpft durch den Tag. Wenn Du Dir nicht einmal diese grundlegenden Bedürfnisse einräumst, bleiben emotionale Bedürfnisse erst recht auf der Strecke.

An niemanden hängen wir so sehr wie an unseren Kindern. Sie sind unser ein und alles. Man kann sich oft nichts Schlimmeres vorstellen, als dass den eigenen Kindern etwas zustößt. Diese berechtigte Sorge und dieses starke Gefühl von Liebe dürfen aber nicht dazu führen, dass wir unsere Kinder gar nicht mehr aus den Augen lassen und es mit der Sorge um sie maßlos übertreiben. Das engt Kinder ein und entfernt sie oft von uns. Wenn es Dir schwer fällt hier das richtige Gleichgewicht zu finden und Du Dir nicht sicher bist, ob Du manchmal zu sehr an Deinen Kindern klammerst, dann werfe einen Blick auf den Kurs unserer beiden Expertinnen. Sie zeigen auf, was typisch für den Erziehungsstil von Helikopter-Eltern ist und wie man ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Klammern und Loslassen findet.

•    Akzeptiere Deine Schwächen

Es ist völlig normal, dass nicht jeder Mensch perfekt ist. Genauso wenig kann jeder Mensch immer gut gelaunt und energiegeladen sein. Deshalb ist es völlig in Ordnung, wenn Du Dir selbst eingestehst, dass Du manchmal überfordert oder unzufrieden bist. Akzeptiere Dich, so wie Du bist, mit allen Fehlern und Schwächen. Denn Du musst es nicht immer allen Menschen rechtmachen.

Nicht alles, was uns bedrückt ist nur von kurzer Dauer und geht einfach schnell vorüber. Es gibt Päckchen, die wir sehr lange, manchmal auch ein Leben lang, mit uns herumtragen müssen. Dieser vollgepackte emotionale Rucksack kann richtig schwer sein und eine erhebliche Last darstellen. Daher ist es hilfreich, Formen zu finden, die es uns ermöglichen, diese Last zu schultern. Mit gewissen Routinen im Alltag lässt sich emotionale Hygiene betreiben, die aus dem schweren Rucksack einen Energielieferanten machen kann und Dir Dein Leben dauerhaft leichter machen.

•    Übe Achtsamkeit

Der Anfang von allem ist immer die Analyse. Denn Du kannst erst anfangen etwas zu verändern, wenn Du weißt, was Dir fehlt und was Dein Ziel ist. Dazu musst Du in Dich hineinhorchen und ergründen, wie Du Dich fühlst. Zu diesem Blick nach innen gehört aber auch ein Blick nach außen – auf die Strukturen, die Dich umgeben und bestimmen. Inneres und Äußeres beeinflussen sich wechselseitig. Wenn Du achtsam Dir selbst und Deiner Umwelt gegenüber bist, fällt es Dir leichter, Deine Bedürfnisse zu erkennen. Das braucht ein wenig Übung, bringt Dich jedoch Schritt für Schritt wieder zu Dir selbst. Für den Einstieg kannst Du ein paar Atemübungen machen oder einfach nur einen Moment innehalten und völlig wertungsfrei spüren, wie Du Dich fühlst. Einen achtsameren Umgang mit Dir selbst kannst Du beispielsweise auch in einem Achtsamkeitskurs lernen, der Dir hilft festgefahrene Verhaltensmuster zu durchbrechen, die ansonsten verstärkend wirken. Schritt für Schritt findest Du dadurch wieder mehr zu Dir selbst und erfährst, wie Du neue Kraft tanken kannst und das richtige Maß an Sorge für Deine Mitmenschen findest.

•    Nimm Dir eine Auszeit

Das bedeutet nicht, dass Du Deine Koffer packen sollst und für mehrere Wochen in den Urlaub verschwindest. Eine Auszeit können schon regelmäßig zehn Minuten Meditationsübungen, eine halbe Stunde Yoga, ein entspanntes Bad, ein Besuch in der Sauna oder ein Spaziergang sein. Wichtig dabei ist, dass Du Dich während dieser Zeit nur Dir selbst, Deinen Bedürfnissen und Gedanken widmest. Selbstfürsorge hat auch mit Selbstbestimmung zu tun, deshalb solltest Du regelmäßig Dinge tun, die nur Dir selbst Freude machen – unabhängig davon, was andere sagen oder wollen.

Diese Auszeiten sind nicht nur für Dich selbst wichtig: Für sich und für andere zu sorgen, gehen nämlich Hand in Hand. Erst wenn Du für Dich ausreichend sorgst, hast Du auch die Kraft anderen tatkräftig zu helfen; ganz nach dem Prinzip: Die Starken helfen den Schwachen. Damit Du stark wirst und bleibst, braucht es diese bewussten Momente mit Dir selbst. Viele sprechen in diesem Zusammenhang auch von Resilienz. Sie ist die Widerstandsfähigkeit, die es braucht, um psychisch belastbare Herausforderungen zu meistern, ohne dass diese Phasen einen nach und nach schwächen bis alle Reserven aufgebraucht sind. Werde stark, indem Du Dir Zeit für dich Selbst nimmst, um dann mit voller Energie anderen zur Seite zu stehen!

•    Triff Dich mit Freunden

Die Sorge um andere nimmt meist viel Zeit in Anspruch. Oft läuft der Alltag immer gleich ab, dieselben Aufgaben müssen täglich bewältigt werden und am Ende des Tages gehst Du ausgelaugt und müde ins Bett. Deshalb ist es wichtig, für Abwechslung zu sorgen und Dich mit anderen Menschen auszutauschen. Ein Treffen mit Freunden lenkt Dich eine Weile ab, bringt neue Impulse in Dein Leben und Du kannst Dir Belastendes von der Seele reden.

 

So baust Du Selbstfürsorge in den Alltag ein

Jetzt weißt Du, dass Du Dich besser um Dich selbst kümmern musst. Aber wie kannst Du Selbstfürsorge in Deinen dynamischen Alltag einbauen? Ganz einfach, indem Du Dir kleine Entspannungs-Oasen schaffst und Dinge, die Du beispielsweise im Urlaub tun würdest, in den Alltag integrierst. Hier ein paar Ideen:


•    Bleibe morgens fünf Minuten länger im Bett liegen, atme entspannt ein und aus und spüre, wie sich Dein Körper anfühlt.

•    Stelle Dich nach dem Aufstehen ein paar Minuten ans offene Fenster und atme die frische Morgenluft ein.

•    Du bist gerade Einkaufen? Dann setz Dich doch einfach unterwegs in ein Café und trink einen Espresso oder iss ein Stück Kuchen. Genieße den Moment ganz bewusst, den Du nur für Dich alleine hast.

•    Lege einfach mal für fünf Minuten die Füße hoch und schließe die Augen. Allein das hilft Dir bereits, neue Kraft zu tanken.

•    Setze Dich auf den Balkon oder geh auf eine Wiese und schau Dir den Sonnenuntergang an.

•    Lies ein Buch oder eine Zeitschrift, selbst wenn Du dafür eigentlich keine Zeit hast. Zwischendurch findet sich immer eine Gelegenheit für eine Seite oder einen interessanten Artikel.

•    Du bist in der Stadt unterwegs? Setze Dich für ein paar Minuten in eine leere Kirche und genieße einfach die Stille.

Du siehst, diese Tipps sind wirklich einfach umzusetzen und brauchen nicht viel Zeit. Die Belohnung für diese kleinen Selbstfürsorge-Einheiten wirst Du schnell spüren: mehr Kraft, Energie und Lebensfreude!