Eigentlich müssten Eltern ja froh sein, wenn die Kinder endlich volljährig sind und das Elternhaus verlassen, um eigene Wege zu gehen. Sie müssen nicht mehr jeden Tag warme Mahlzeiten auf den Tisch stellen oder hinter dem Nachwuchs herräumen. Dennoch stürzt es viele in eine Krise, wenn das Haus plötzlich leer ist. 

 

Was ist das Empty-Nest-Syndrom?

Die Kinder sind erwachsen, ziehen fürs Studium in eine andere Stadt, verdienen ihr eigenes Geld und wollen endlich auch eigenständig in einer Wohnung leben. Während manche Eltern den Moment herbeisehnen, das Haus wieder für sich alleine zu haben, können andere mit der plötzlichen Leere gar nicht gut umgehen. Denn auf einmal ändert sich der ganze Tagesablauf: Tägliche Aufgaben wie für die Kinder Essen kochen, Wäsche waschen und aufräumen müssen nicht mehr erledigt werden, außerdem entfallen die liebgewonnenen Gespräche und das bunte Treiben im Haus. Die Kinder sind nun flügge, und das Nest ist leer – daher die Bezeichnung Empty-Nest-Syndrom.

Dass Du die ersten Tage oder Wochen nach dem Auszug der Kinder eine gewisse Leere im Haus oder der Wohnung spürst, ist völlig normal und noch kein Grund zur Sorge. Wenn sich dieses Gefühl jedoch stark auf die Psyche schlägt, zum seelischen Dauerzustand wird und Dich daran hindert, dein eigenes Leben zu führen, solltest Du dringend etwas dagegen tun. Oft leidet sogar die Beziehung zum Partner unter der wiedererlangten Zweisamkeit, was nicht selten zur Scheidung führt, sobald der Nachwuchs aus dem Haus ist. Das Empty-Nest-Syndrom ist zwar meist nur eine Phase, kann die Betroffenen jedoch auch in eine schwere Lebenskrise stürzen.

 

Wie erkenne ich ein Empty-Nest-Syndrom?

Mütter leiden meist stärker unter der Nest-Leere. Denn in den meisten Familien sind sie die Hauptversorger, haben Jahre und Jahrzehnte dafür gesorgt, dass es dem Nachwuchs gut geht, und plötzlich fällt diese Lebensaufgabe einfach weg. Psychologen nennen das den Übergang von der aktiven zur passiven Mutterschaft, der bei vielen Frauen eine emotionale Leere hinterlässt. Noch dazu fällt die Trennung von den Kindern mit dem Einsetzen der Wechseljahre zusammen, was die Betroffenen zusätzlich in ein Wechselbad der Gefühle stürzt. 

Die Trauer über den Auszug des Kindes und die plötzliche Einsamkeit in den eigenen vier Wänden kann anfangs sehr erdrückend sein und zu gewissen Symptomen führen, wie


•    Schlaflosigkeit
•    Appetitlosigkeit
•    Antriebslosigkeit

 

Im Normalfall ist diese Phase nur vorübergehend, denn es gibt viele Möglichkeiten, die Eltern das Loslassen erleichtern. Wenn sich die Phase der Traurigkeit jedoch zu einer ernsthaften Depression entwickelt, ist eine Therapie oft die einzige Hilfe aus dem emotionalen Tief. Wenn der Trennungsschmerz auch nach Wochen oder Monaten nicht leichter wird, solltest du unbedingt einen Psychologen um Rat fragen.

 

Bild Empty-Nest

Was hilft bei Empty-Nest-Syndrom?

Dass die Kinder eines Tages erwachsen sind und ihr eigenes Leben führen, wissen Eltern bereits bei der Geburt. Dennoch ist das Loslassen für viele ein schwerer Prozess. Um den Trennungsschmerz und die plötzliche Ruhe zu Hause erträglicher zu machen und die neugewonnene Freiheit und Freizeit sinnvoll zu gestalten, gibt es verschiedene Möglichkeiten, über Du dir Gedanken machen solltest, noch bevor die Jungen das Nest verlassen:

 

•    Neue Beschäftigung finden:

Ein neues Hobby kann eine tolle Herausforderung sein und damit zur neuen Lebensaufgabe werden. Eine Sprache lernen, Handarbeiten, Konzerte und Kunstausstellungen besuchen, Malen, Fotografieren – jetzt ist der Moment gekommen, in dem Du endlich Zeit hast, deinen eigenen Vorlieben nachzugehen.

 

•    Projekte anpacken:

Die Wohnung neu streichen, die Möbel umräumen oder erneuern, einen neuen Nutzraum aus dem freigewordenen Kinderzimmer gestalten – kleine Projekte sind eine wunderbare Ablenkung. Wer schon immer ein Zimmer zum Nähen, Lesen, Musizieren oder Yoga machen haben wollte, bekommt jetzt die Gelegenheit. Und falls das Kind doch hin und wieder über Nacht zu Besuch kommt, wird ein Schlafsofa oder Gästebett angeschafft.

 

•    Sozial engagieren:

Für Mütter, die in erster Linie die Fürsorge für andere Menschen vermissen, bietet sich die Unterstützung einer wohltätigen Organisation an. Nachbarschaftshilfe, Vereine und kirchliche Einrichtungen freuen sich immer über helfende Hände.

 

•    Zeit mit dem Partner verbringen:

Der Auszug der Kinder ist keine individuelle Krise, die es als Einzelperson zu überwinden gilt. Sind die Eltern nach 20 Jahren erstmals wieder alleine zu Hause, müssen sie ihre Beziehung völlig neu entdecken. Gemeinsame Unternehmungen und Projekte sind eine gute Möglichkeit, sich gegenseitig wieder näher zu kommen und vom Dasein als Eltern zurück zum Leben als Paar zu finden. Diese Erfahrung kann anfangs ungewohnt sein, dann jedoch enger zusammenschweißen und die Liebe neu entfachen. In manchen Fällen kann die neuerlangte Zweisamkeit jedoch auch zur Trennung führen, wenn die Partner all die Jahre der Kinder wegen als Familie funktioniert haben. Das sollte allerdings nicht als Scheitern, sondern als neue Perspektive zur Selbstverwirklichung betrachtet werden.


 
•    Kontakt mit den Kindern halten:

Dank moderner Technik und Social Media ist es heutzutage sehr einfach, mit den Kindern engen Kontakt zu halten, auch wenn sie nicht mehr mit unter einem Dach wohnen. Eine WhatsApp-Gruppe, regelmäßige Skype-Gespräche oder der Kontakt über soziale Medien lassen Eltern immer wissen, dass es den Kindern gutgeht. Oft entsteht dadurch sogar eine noch engere Bindung als früher.

 

•    Selbsthilfegruppen:

Das Empty-Nest-Syndrom ist weiter verbreitet als viele denken. Deshalb ist es für Betroffene keine Schande, offen zuzugeben, dass sie mit der Leere daheim nicht zurechtkommen. In der Gruppe können sich Mütter und Väter untereinander austauschen. Bereits das offene Gespräch hilft vielen, sich mit ihrer Situation besser zu arrangieren.

 

Mut zum neuen Lebensabschnitt

Mit dem Auszug der Kinder ist ein großer Lebensabschnitt abgeschlossen. Damit öffnet sich die Tür für ein neues Abenteuer. Für diese einschneidende Veränderung sind viele nicht bereit. Denn zu sehr halten sie an der Vergangenheit fest, an den schönen Stunden, in denen die Familie glücklich zusammen am Tisch saß. Doch Eltern sollten ihre neue Freiheit auch als Chance sehen, endlich wieder die eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu rücken. Dazu braucht es ein wenig Mut, schließlich hat man sich seit der Geburt des Kindes immer wieder zurückgenommen und an zweite Stelle gesetzt. 

Nach einer gewissen Zeit des Trauerns sollten Eltern ihrem Leben jedoch einen neuen Sinn geben und die Veränderung akzeptieren. Schließlich sind die Kinder ja nicht aus der Welt, sie haben einfach nur ihr Nest verlassen. Umso schöner sind dann die Momente, wenn die Familie wieder zusammenkommt.