Der Benediktinerpater Anselm Grün hat tausenden Menschen geholfen, bewusster zu leben: In seinen Büchern und Vorträgen nähert er sich Themen, die für viele schwer greifbar sind und hilft, das eigene Leben besser zu gestalten. Dabei geht er nicht nur theologisch vor, er trägt in seinen Büchern auch psychologische Ansätze zusammen und bezieht die spirituelle Ebene mit ein. In seinem aktuellen Buch beschäftigt er sich mit dem Thema „Sorge“ und Verantwortung. Zeit für ein persönliches Gespräch mit dem Pater – um mal zu fragen: Was denken Sie eigentlich über aktuelle Trends und Entwicklungen?

Pater Anselm, was denken Sie über…

...den gesellschaftlichen Trend hin zur Individualisierung?


Immer wieder lesen wir, dass sich in unserer Zeit der Trend hin zur Individualisierung abzeichnet. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung, das Streben nach Unabhängigkeit und einem möglichst großen Grad an persönlicher Freiheit, werden dabei oft auch mit einem gewissen Egoismus gleichgesetzt. Wie denken Sie über diesen Trend?

Es gibt diesen Trend zur Individualisierung. Er ist nicht automatisch mit Egoismus verbunden. Aber oft genug wird die persönliche Freiheit doch sehr egoistisch empfunden. Psychologen sprechen vom „erschöpften Ich“. Indem ich immer nur um das eigene Ego kreise, wird das Ego erschöpft und überfordert.
 
In Ihrem Buch „Vom ich zum Du – für sich und andere sorgen“ schreiben Sie, dass Sorge ein Grundprinzip des Kosmos sei. Auch Verantwortung, also Sorge um andere Menschen, beschreiben Sie als wesentlich. Wie passt das mit der zunehmenden Individualisierung zusammen?


Schon die Evolutionsforschung zeigt uns, dass die Sorge für andere Lebewesen in den Kosmos eingeschrieben ist. Daher sollten wir durchaus von der Schöpfung lernen, um die heutige Individualisierung zu relativieren. Wir können nicht gegen die Gesetze des Kosmos verstoßen. Das wird nicht nur für uns, sondern auch für den Kosmos negative Folgen haben.
 


...den Umgang der Menschen mit der Umwelt?


Sie schreiben auch über die Umwelt, die Schöpfung, für die wir Menschen Verantwortung tragen. In den Nachrichten lesen wir von aufgekündigten Klima-Abkommen, Atomtests und Abgas-Skandalen. Manchmal fühlt es sich da an, als sei es eigentlich schon zu spät und der einzelne Mensch kann gar nichts mehr ausrichten, um Umwelt und Schöpfung zu bewahren. Wie denken Sie darüber?


Wir sollten nie die Hoffnung aufgeben. Auf der einen Seite sollten wir tun, was in unserer Macht liegt. Und da ist es wichtig, all die Skandale beim Namen zu nennen, damit das nicht mehr „hoffähig“ ist. Auf der anderen Seite sollten wir darauf vertrauen, dass die Natur sich nicht so leicht zerstören lässt. Sie hat in sich immer auch Möglichkeiten, kreativ auf gefährliche Situationen zu reagieren.
 
Viele Menschen fühlen sich machtlos, wenn sie Nachrichten wie die eben beschriebenen lesen. Wie fühlen Sie sich dabei persönlich?


Sich machtlos fühlen, macht aggressiv oder depressiv. Ich tue das, was ich kann. Daher haben wir in der Abtei unsere Energiegewinnung auf regenerative Quellen umgestellt. Und ich setze meine Hoffnung darauf, dass immer mehr Menschen sensibilisiert werden für den Schutz der Umwelt. Das kann aber nicht allein mir moralischen Appellen geschehen, sondern braucht eine spirituelle Erfahrung der Schönheit der Schöpfung.
 


...dem Trend zur Single-Gesellschaft?


Jeder fünfte Deutsche lebt allein – fast doppelt so viel wie noch zu Beginn der 1990er. Die Zahl der Ehen, die geschieden werden, ist seit Jahren kaum verändert hoch. Es scheint fast, als brauchen wir keinen anderen Menschen mehr, der für uns sorgt: Unabhängigkeit gibt die Freiheit, keine Kompromisse mit anderen mehr eingehen zu müssen. Wie denken Sie darüber?


Manche leiden unter ihrem Single-Dasein. Andere dagegen leben bewusst als Single, um keine Kompromisse eingehen zu müssen. Doch irgendwann leiden sie dann an ihrem Alleinsein. Ich kenne viele Singles, die nicht zufrieden sind mit ihrem Leben. Sie sehnen sich nach einem Partner. Aber dann spüren sie, dass es oft zu spät ist, eine Familie zu gründen. Man sollte sich am Anfang des Erwachsenseins nicht vom beruflichen Erfolg blenden lassen. Es gibt auch die Sehnsucht nach Partnerschaft und Familie. Die sollte man ernst nehmen, um dann nicht später schmerzlich einzusehen, dass man einen wesentlichen Schritt im Leben versäumt hat.
 
Doch allein sein heißt nicht gleich einsam sein – wenn die Sorge, wie Sie schreiben, dem Menschen wesentlich ist. Sie erleben in Seelsorgegesprächen oft Menschen, die von Zerrissenheit und Feindschaft in Familien und auch von Einsamkeit erzählen. Was raten Sie den Menschen, die ihr Leben ohne Familie oder Partner verbringen?


Wenn jemand an seinem Alleinsein leidet, dann rate ich ihm, durch die Trauer über das Alleinsein hindurch zugehen, um im Grund seiner Seele sich eins zu fühlen mit allen Menschen, mit der ganzen Schöpfung und mit Gott. Es kommt darauf, wie Peter Schellenbaum es ausgedrückt hat, das Alleinsein in ein All-Eins-Sein zu verwandeln. Dann fühle ich mich zugehörig zu allem. Zu diesem Gefühl kommt dann die konkrete Frage, wie ich diese Zugehörigkeit auch leben möchte, wo ich mich für andere engagieren möchte.

Profilbild für Pater Anselm

Pater Anselm Grün

Benediktinermönch und geistlicher Begleiter

Pater Anselm Grün, geboren 1945, ist Benediktinermönch der Abtei Münsterschwarzach, deren Cellerar (wirtschaftlicher Leiter) er 36 Jahre lang war. Als Kursleiter und geistlicher Begleiter ist er viel unterwegs. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und erreicht mit zahlreichen Veröffentlichungen und Vorträgen Millionen von Menschen. Auf sinnsucher.de ist er Experte für Selbstfürsorge.

Pater Anselm, was denken Sie über…

...die Anforderungen im Alltag?


Trotz Freiheit und Unabhängigkeit geht es immer mehr Menschen seelisch nicht gut. In den letzten 11 Jahren ist die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen um mehr als 97 Prozent angestiegen. Experten sehen einen Grund darin, dass wir im Arbeitsalltag immer größerem Stress ausgesetzt sind. Die Sorge um die Gesundheit, die sich in der Sorge für ein ausgeglichenes Leben ausdrückt – wie Sie es in Ihrem Buch Kapitel „Sorge für sich selbst“ beschreiben – wird behindert durch die Anforderungen des Alltags. Wie können wir diesem Strudel entkommen?


Es gibt die objektiven Bedingungen, die die Sorge für die eigene Gesundheit erschweren, wenn der Druck in der Arbeit und die Arbeitsbelastung einfach zu groß sind. Aber es gibt immer auch die innere Einstellung. Und daran kann jeder arbeiten. Wir setzen uns oft selbst unter Druck. Wir haben nicht den Mut, nein zu sagen zu bestimmten Erwartungen von außen. Und wenn ich in der Arbeit unter Druck stehe, muss ich umso mehr für mich in meiner Freizeit sorgen. Da darf ich die Zeit nicht auch mit vielen Aktivitäten zustopfen, sondern sollte mich fragen, was mir wirklich gut tut.
 
Technologische Neuerungen, wie Smartphones, Smart-Watches oder neuerdings auch Sprachassistenten sind ein Beispiel für den menschlichen Fortschritt im Zeitalter der Digitalisierung - sie sollen uns das Leben einfacher machen. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, dass wir immer erreichbar und „im Dienst“ sind. Wie denken Sie darüber?


Immer erreichbar zu sein, ist gegen unsere Natur. Daher sollten wir eine gesunde Askese üben. Wir sollten die neuen technischen Möglichkeiten nutzen. Aber wir sollten auch ihre Gefahr erkennen. Wir dürfen uns nicht zum Sklaven des Smartphones machen. Und wir sollten uns die Luxus gönnen, bestimmte Zeiten nicht erreichbar zu sein.

 

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