Herr Professor Sedmak, wie würden Sie, auf eine Formel gebracht, die Frage beantworten, wann ein Leben als sinnvoll, als geglückt betrachtet werden kann?

Professor Clemens Sedmak: Es ist auf jeden Fall ein Leben, das ich selbst gestalte. Bei dem ich die Aufgaben, die es an mich heranträgt, bestmöglich erfülle. Dafür brauche ich niemanden, der mir eine Anleitung in die Hand drückt, keinen großen Überbau. Denn ich kann den Lebenssinn nicht suchen, ich kann ihn nur finden.

 

Wie ist das konkret vorstellbar?


Man muss in jeder Situation wach sein. Eine gute Übung ist es auch, sich folgende Fragen zu stellen: Was gibt mir Kraft? Aus welchen Quellen lebe ich? Die wenigsten Menschen würden auf diese Fragen Stichworte wie fernsehen, gutes Essen, schöne Urlaube und andere Formen des Müßiggangs nennen. Kraft schöpfen wir aus einer Tätigkeit, die befriedigt, aus Begegnungen mit Menschen, die uns nahe sind, aus dem Dienst an einer Sache, von der wir überzeugt sind, durch Verantwortung und Sorge für Partner, Kinder, Verwandte.


Sie plädieren also dafür, sich vor allem mit den Beschwerlichkeiten des Lebens auseinanderzusetzen?


Für mich ist der hochsinnige Mensch jener, der nach einem Leben strebt, das von Tiefe und klaren Konturen gekennzeichnet ist. Er sollte im besten Fall ein Leben führen, das er empfehlen und rechtfertigen kann, das eine Richtung hat, das in einer zusammenhängenden Geschichte erzählt werden kann. Es ist ungemein sinnstiftend, wenn man weiß, wofür es sich zu leben lohnt, wenn man weiß, was einen begeistert. Allerdings kann das mitunter recht anstrengend sein.


Das heißt aber vermutlich auch, dass ein sinnvolles Leben nicht zwangsläufig auch ein glückliches Leben ist - und ein ausschließlich glückliches Leben kaum ein sinnvolles sein kann.


Es gibt Überschneidungen, aber die beiden Ebenen sind keineswegs deckungsgleich.
Glück hat zudem viele Facetten: Es gibt das Wohlfühlglück, da ist alles schön weich und kuschelig, da ist man im Wellnessbereich des Lebens, aber auf die Dauer ist es höchst unbefriedigend. Dann gibt es das Anstrengungsglück, das wir hier in Österreich oft mit dem Bergsteigen in Verbindung bringen, dafür muss man sich quälen, wird aber auch belohnt. Außerdem finden wir das Dankbarkeitsglück, wenn uns etwas Gutes zustößt. Das Redlichkeitsglück, das sich einstellt, wenn ich etwas Richtiges und Wichtiges für andere getan habe - und noch einige andere Formen von Glück.
Wenn von all dem etwas vorhanden ist, dann bin ich auf einem guten Weg, dann kann ich Ja zum Leben sagen. Das kommt einem sinnvollen Leben schon recht nahe.


Ein sinnerfülltes Leben wäre demnach nicht unbedingt ein Leben, in dem es um den einen großen Sinn geht?


Man sollte in der Sinnfrage nicht größenwahnsinnig werden, keine maßlosen Bedürfnisse entwickeln. Man sollte vielmehr um geglückte Tage wissen. Einen Tag nach dem anderen leben, jeden Tag füllen und ehren, jeden Tag als einen ganz besonderen sehen. Das Leben ist für mich wie ein Haus, an dem wir ständig bauen. Ein Haus mit Fundament und festen Mauern, ein Haus, in dem Menschen ein und aus gehen, mit vielen kleinen Hoffnungen, die uns tragen.


Das klingt sehr bescheiden.


Mein vor einiger Zeit verstorbener Vater hat zu seinem 70. Geburtstag eine Ansprache gehalten, von seiner schrecklichen Kindheit erzählt, die Eltern getrennt, das Kind ins Internat abgeschoben, nur wenige Lichtblicke in den Sommerferien in Osttirol. Und dann hat er gesagt: Wenn du unter einem friedlichen Dach zusammengelebt hast, mit einem freundlichen Gruße am Morgen und zur Nacht, merken viele zu spät, dass das Füllhorn des Glücks damit weit geöffnet war. Das ist schon eine tiefe Beobachtung, denn vieles Gute nehmen wir so selbstverständlich hin.

 

Was sind für Sie die entscheidenden Sinninhalte, um von einem gelungenen Leben sprechen zu können?


Ganz wichtig sind Beziehungen und Begegnungen. Dazu gehören solche im kleinen und intimen Bereich genauso wie im loseren Rahmen. Also auf der einen Seite die Beziehung zum Partner, zu Kindern, zur Familie, zu Freunden, aber eben auch die zu Kollegen. Darin drückt sich ein Ja zum Leben aus. Wem es nicht gelingt, ein stabiles Beziehungsgeflecht aufzubauen, der leidet. Und so ist die Einsamkeit ja eine der großen Wunden unserer Gesellschaft.


Warum sind heute so viele einsam?


Einsamkeit erscheint mir als Krankheit, als Zivilisationskrankheit sozusagen. Ein Preis, den wir für das schnelle und unbeständige, technologieunterstützte und leistungsorientierte Leben zahlen. Soziale Netze verlieren an Kraft, weil die Bindungskraft in Beziehungen abnimmt. Dazu kommen Mobilität und Flexibilität, die den Fluch unterspülter Beziehungen mit sich bringen.


Kann jemand, der sich ständig einsam fühlt, ein sinnerfülltes Leben führen?


Da ist zu unterscheiden zwischen einer Einsamkeit, die im Englischen mit dem Begriff loneliness bezeichnet wird, und jener Form, auf die das Wort solitude zutrifft. Loneliness trifft jene Menschen, die bei der Telefonseelsorge anrufen, weil sie das Alleinsein nicht länger aushalten, für die jedes Wochenende, jedes Weihnachten, jedes Ostern eine große Qual ist; das geht häufig mit Symptomen von Depressivität einher. In der Solitude hingegen besinnt der Einzelne sich auf sich selbst, hält es mit sich aus, ist vielleicht sogar in der Lage, als Maler, Schriftsteller oder Musiker große Werke zu erschaffen. Das wiederum kann sehr sinnstiftend sein.

Welche Rolle spielt die Arbeit grundsätzlich? Macht es einen großen Unterschied, ob ich einer intellektuell anspruchsvollen Tätigkeit nachgehe oder in der Fabrik am Fließband stehe?


Die Berufstätigkeit ist mitentscheidend für den Lebenssinn. In der Arbeitslosigkeitsforschung sagt man, wenn ein Mensch einen Job verliert, verliert er viel mehr als nur sein Gehalt - er verliert einen Großteil seines sozialen Umfeldes. Freundschaften resultieren oft aus Arbeitsverhältnissen und nicht zuletzt auch Partnerschaften und Ehen. Die gelingende Lebensführung, wie schon Aristoteles sie verstand, besteht zu einem wichtigen Teil in einer sinnerfüllten Tätigkeit, in der jeder Einzelne seine in ihm schlummernden Potenziale verwirklichen kann.
Dabei kommt es weniger auf die Art der Arbeit an als auf die Gesinnung, mit der man sie ausübt. Selbst häusliche Routinetätigkeiten können dem Leben Halt geben, wir sollten sie nicht gering schätzen: Bettenmachen, Staubsaugen, Einkaufengehen - das sind alles kleine Bausteine, die zeigen, dass man sich dem Leben verbunden fühlt.

 

Sagt sich das nicht ein wenig leicht, wenn man Wissenschaftler ist und einer kreativen Tätigkeit nachgeht?


Ich bin da einer Meinung mit dem Dalai Lama und jenen Psychologen, die sagen, dass über das Glück bei der Arbeit vor allem die innere Einstellung entscheidet - und was man an konkreten kleinen Schritten unternimmt, um Befriedigung in seiner Tätigkeit zu finden.
Man kann sich beispielsweise jeden Tag ein kleines Projekt vornehmen: Auch wenn ich am Fließband stehe, gibt es ja Arbeitspausen, in denen ich mit einem Kollegen ins Gespräch kommen kann, den ich noch nicht so gut kenne. Oder die griesgrämige Rezeptionistin, die werde ich morgen anlächeln und mit einem freundlichen Satz bedenken.
Papst Johannes XXIII. hat als junger Mann in sein Tagebuch geschrieben: "Alles Gewöhnliche, aber nicht auf gewöhnliche Weise." Damals war er Gesandter des päpstlichen Stuhls in Bulgarien, saß dort jahrelang auf einem unwichtigen Posten und wusste nicht so recht, was er dort sollte. Aber er hat die Herausforderung angenommen.


Schon der Kontakt mit anderen Menschen trägt also dazu bei, das Leben als bereichernd zu empfinden?


Lebenszufriedenheit ist eher den Tätigen und Eifrigen gegeben als den Trägen und Faulen. Zufriedene Menschen gestalten ihr Leben selbst. Sie treffen Entscheidungen und sind nicht nur Opfer der Verhältnisse.

Können demnach Menschen, die gelähmt oder schwer krank sind, also kaum noch eigenen Handlungsspielraum haben, keine Zufriedenheit, keinen Lebenssinn verspüren?


Ich erinnere mich an eine belgische Frau, die wollte unbedingt Mutter Teresa in Kalkutta helfen. Aber sie war gesundheitlich nicht in der Lage, Schwerkranke zu waschen oder mit Kindern zu spielen - und sagte: Ich fühle mich so unnütz. Mutter Teresa entgegnete ihr, du kannst beten. Gebet ist eine große Kraft, du kannst also sehr viel tun in deiner Nichttätigkeit.
Aber das beste Beispiel dafür, dass man nicht im herkömmlichen Sinne tätig sein muss, sondern einfach da sein kann, ist Jean Vanier, der Gründer der Arche, einer ökumenischen Gemeinschaft für Behinderte und Nichtbehinderte. Vanier lehrte an der Universität Toronto, hielt Vorlesungen, schrieb Bücher - und fiel mit 36 Jahren in eine große Sinnkrise. Dann hat er alles hingeschmissen, ein kleines Haus gekauft und zwei Schwerbehinderte aufgenommen. Er führte ein einfaches Leben, war nur für die beiden Menschen da. Er konnte sich nicht über das produktive Tätigsein definieren, sondern allein über das Zusammensein.
Im Leben mit den Behinderten, sagte er, habe er zum ersten Mal gelernt, was es heißt, ein Mensch zu sein.


Hat er dafür Anerkennung bekommen?


Nein, im Gegenteil: Die Anerkennung, über die er sich bis dahin definiert hatte, wurde ihm geradezu verweigert. Seine Mitbewohner wussten nicht, was ein Doktortitel ist, was Geld bedeutet, was Einfluss ist. "Nackte Menschen vor einem nackten Mensch", so hat Vanier das beschrieben. Er konnte sie nicht durch seine Aktivität beeindrucken, sondern nur durch sein Dasein.
Das ist auch bei der Begleitung sterbender Menschen wichtig, da geht es nicht darum, ständig etwas zu tun, Kissen aufzuschütteln, etwas zu trinken zu holen oder permanent zu reden. Eine tiefe Begegnung besteht darin, schlicht da zu sein, dem Sterbenden die Hand zu halten, ihn zu begleiten.
Es sind also längst nicht immer die großen Tätigkeiten, die sinnerfüllend sein können, sondern auch die vermeintlich so unscheinbaren Dinge.


Wem dies fernliegt, wer lieber etwas für sich tut, etwas erleben will, auch aus egoistischen Motiven - ist der ein Sinnsucher zweiter Klasse?


Das sollte man nicht werten. Der Dienst für andere berührt einen Menschen sicher tiefer, aber persönliche Erlebnisse und Erfahrungen sind auch wichtig. Gerade in schwierigen Lebensphasen, etwa bei Krankheit oder nach einem Verlust, kann einem dies helfen.


Muss es dafür eine Krise geben?


Nein, auch im ganz normalen Leben kann es erfüllend sein, wenn man nach einiger Zeit sagen kann, jetzt kenne ich mehr interessante Menschen als zuvor, und ich habe etwas erlebt, was ich bislang noch nicht erlebt habe. Wir waren als Familie einmal in einem großen Freizeitpark, eine ganz profane Unternehmung. Man hat eine lange Anfahrt und gibt dort viel Geld aus. Aber mit etwas Glück hat man dann auch ein gemeinsames Erlebnis, von dem man lange zehren kann. Genauso ist das bei einem Konzert- oder Theaterbesuch.
Aber es ist nicht allen Menschen gegeben, so etwas genießen zu können. Ein Freund von mir ist Biobauer, ein großartiger Mensch. Er hat jedoch keinen Sinn für Erlebniswerte. Er tut sich schon schwer, mit den Kindern in den Zoo zu fahren, weil das Geld ausgegeben ist und der Zoobesuch vorbei. Er kauft ihnen lieber handfeste, nützliche Geräte.


Schließt sich das nicht gegenseitig aus: Besitztümer anzuhäufen und zugleich ein sinnvolles Leben zu führen?


Das Anhäufen von Eigentum ist sicher nicht sinnvoll. Aber wir sollten Dinge nicht zu gering schätzen. Zu vielen haben wir eine ganz persönliche Beziehung, etwa weil Erinnerungen daran hängen. Der Anthropologe Daniel Miller hat einmal eine Studie über den "Trost der Dinge" vorgelegt. Er hat 100 Wohnungen in einer gewöhnlichen Straße in Südlondon besucht und die Menschen nach ihren Besitztümern befragt. Gerade in schwierigen Lebensphasen, etwa bei Arbeitslosigkeit, konnten eine handsignierte Schallplatte oder eine Briefmarkensammlung dem Leben einen gewissen Halt geben. Daher ist es auch viel mehr als ein materieller Verlust, wenn Menschen ihr komplettes Hab und Gut etwa durch eine Flut verlieren. Ein Mann, dem das zugestoßen ist, sagte mir, er habe sich gefühlt, als habe er seine Schutzschicht verloren.
Es ist übrigens eine interessante philosophische Übung, sich vorzustellen, Ihr Haus sei akut einsturzgefährdet und ein Feuerwehrmann könne nur noch einmal hineingehen und gerade noch so viele Habseligkeiten herausholen, wie in zwei Einkaufswagen passen. Was würden Sie mitnehmen? Sicher etwas, was Ihrem Leben einen gewissen Halt und Struktur gibt, etwa ein Fotoalbum.

Erklärt das auch die Begeisterung für Oldtimer und die Wertschätzung des Beständigen - dabei verbindet sich ja Immaterielles mit Materiellem?


Jeder von uns drückt seine Identität auch mit Dingen aus. Ob das der seit vielen Jahren gehegte und gepflegte alte Wagen ist oder eine bestimmte Krawattenart, mit der man seine Persönlichkeit unterstreicht. Was ich besitze und schätze, ist sozusagen Teil meines erweiterten Selbst. Ich würde sogar vermuten, dass Sinnkrisen manchmal damit zusammenhängen, dass viele Menschen kaum noch langfristige Beziehungen zu materiellen Gegenständen haben, weil diese Dinge immer weniger Gebrauchs-, sondern vor allem Verbrauchsgüter sind: Löcher in der Kleidung werden nicht mehr gestopft, das neue Mobiltelefon ist schon nach zwei Jahren Elektroschrott, ebenso der Computer.


Sind die Renaissance des Selbermachens, die Gründung kleiner Reparaturwerkstätten und die Entdeckung regionaler Lebensmittel so etwas wie Zeichen für eine moderne Sinnsuche?


So kann man das sehen. Ein aufwendiges Essen aus guten Zutaten, das man eigens zubereitet hat, ein selbst gezimmertes Möbelstück, ein restauriertes altes Fahrrad, ein selbst geschriebener Brief - zu all dem hat man eine besondere Beziehung, darüber definiert man sich. Darum sind persönlich hergestellte Geschenke auch höchst sinnvoll, um eine Beziehung zu einem anderen Menschen zu gestalten. Selbst wenn sie neben der individuellen Komponente auch Geld kosten.
Ich bin kein Anhänger der These, dass Geld alles kaputt macht, denn meiner Ansicht nach kann man damit durchaus spirituelle Aspekte im weitesten Sinne zum Ausdruck bringen. Wenn unsere Kinder Geburtstag haben, schenken meine Frau und ich ihnen auch etwas, das Geld kostet. Aber damit signalisieren wir viel mehr als nur die Botschaft: Ich habe dir etwas Teures gekauft.


Kinder sind für viele Menschen ein enorm wichtiger Lebensinhalt. Lässt sich ohne Kinder ein ebenso sinnerfülltes Leben führen wie mit Kindern?


Ja, ohne Zweifel.


Kinder sind für viele Menschen gewissermaßen ein Stück Unsterblichkeit, weil etwas von uns in jemand anderem weiterlebt, der vielleicht wiederum Kinder hat. Für religiöse Menschen ist der Nachwuchs sogar oftmals der Sinn einer Ehe. Haben Kinder daher nicht eine Sonderstellung, was die Frage nach dem Lebenssinn angeht?


Auch darauf lautet die Antwort: ja. Es widerspricht sich nicht, wenn ich in beiden Fällen Ja sage. Eine Ehe kann selbst im Katholizismus in vollem Sinne eine Ehe sein, auch wenn sie kinderlos bleibt. Man würde allen kinderlosen Paaren ins Gesicht schlagen, wenn man ihnen sagen würde, ihr seid ein Ehepaar zweiter Ordnung.


Aber Sie sagen es letztlich doch, auch wenn Sie es wohl nur deshalb nicht aussprechen, weil Sie die Betroffenen nicht verletzen wollen.


Ich möchte damit sagen, dass es anmaßend wäre, anderen vorgeben zu wollen, was notwendige Bedingungen für ein erfülltes Leben sind. Es gibt kein festgelegtes Sinnspektrum, an dem ich mich wie an einer Liste abarbeiten kann.


Fällt es zumindest leichter, mit Kindern ein sinnerfülltes Leben zu führen?


In gewisser Weise ja, denn es stellen sich bestimmte Fragen nicht. Der Taufpate unserer Kinder ist Junggeselle, er muss immer Pläne machen: Was ist am Wochenende, wie verbringe ich Weihnachten? Wenn man wie ich drei Kinder hat, ist vieles vorbestimmt, der Freiraum ist kleiner, man wird gefordert, hat weniger Zeit zum freien Gestalten. Da entsteht nicht so schnell ein Vakuum im Leben, in dem die Sinnfrage einen plötzlich anspringt wie ein wildes Tier und man auf einmal ganz verzweifelt ist.


Kinder sind andererseits auch ein gutes Beispiel dafür, dass Sinnempfinden, Glück und Unbeschwertheit längst nicht immer miteinander einhergehen.


Der Autor Ian Brown hat das wundervoll in dem Buch "Der Junge im Mond" beschrieben, das von seinem Sohn Walker handelt. Der hat einen seltenen genetischen Defekt, schlägt sich selbst gegen Kopf und Ohren, neigt zur Selbstverstümmelung, schläft kaum. Ein hartes Leben. Nach neun Jahren häuslicher Betreuung geben seine Eltern den Jungen in ein Heim. Daraufhin beschreibt der Vater eine unglaubliche Leere - wie eine tiefe Wunde, die nicht verheilen will, denn Walker hatte seinem Leben Form gegeben. Er hat das Leben der Eltern unfassbar beschwerlich gemacht, aber ihm letztlich Sinn verliehen.
Es ist wohl so, dass man oft nicht bemerkt, was einem Leben Tiefe gibt, solange man selbst drinsteckt. Insofern ist es auch kein Wunder, dass sich viele Paare, nachdem Kinder das Haus verlassen, scheiden lassen. Dann spüren sie auch diese Leere, und drängende Fragen tauchen auf.


Wenn das Kind schwerstbehindert ist, dann fragen sich die Eltern sicher auch: "Wie kann das Leben unseres Sohnes von Sinn erfüllt sein?"


Ian Brown geht mehrere Möglichkeiten durch: Einer der behandelnden Ärzte sagte ihm, für Buddhisten sei der Sinn des Lebens, reines Dasein zu werden. Ein Leben also, das nicht über Intentionen, Projekte und Erfolge definiert wird. Da habe es sein Sohn weit gebracht. Oder, fragt Brown, ist das Leben von Walker nicht vielmehr ein Kunstwerk? Man fragt ja auch nicht, was ist der Sinn der Mona Lisa, sie existiert einfach.
Brown trifft schließlich den Arche-Gründer Jean Vanier, verbringt einige Zeit in dessen Haus. Dabei wird ihm klar, dass der Sinn von Walkers Leben vielleicht auch darin besteht, dass der Sohn es dem Vater ermöglicht, ein anderer Mensch zu werden, indem er ihn so aufopferungsvoll pflegt. Das verändere vielleicht sogar die Welt zu einem etwas langsameren, etwas verzeihenderen, etwas menschlicheren Ort.

Aber solche schwierigen Lebenssituationen können Menschen scheitern lassen. Etwa eine Ehe. Doch die Liebe zu einem Partner ist ja wiederum eine ganz wichtige andere Sinnerfahrung.


Wenn etwas dem Leben Sinn gibt, dann ist es die Liebe. Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt hat die Liebe einmal als starke Sorge um einen anderen Menschen charakterisiert. Was mir sehr gut gefällt, ist die Idee, dass unsere Identität eng mit dem zusammenhängt, wofür wir Sorge tragen, worum wir uns kümmern. Für viele Menschen ist das beste Beispiel für Liebe eine gleichberechtigte erotische Partnerschaft.
Aber ein ebenso wichtiges Beispiel ist die Eltern-Kind-Beziehung, in der ja gerade jene Aspekte der Liebe in den Vordergrund treten, bei denen es um Verantwortung und Sorge geht, nicht allein um Gefühlsäußerungen. In einer Eltern-Kind-Beziehung kann ich die Sorge nicht nur von meinen momentanen Gefühlen abhängig machen. Wenn der Nachwuchs in der Pubertät ist, ist der emotionale Faden mitunter sehr dünn - aber wir müssen als Eltern unsere Kinder dennoch in Liebe durch diese schwere Phase begleiten, und die Kinder müssen uns ertragen.

Man kann immerhin noch darauf hoffen, später etwas zurückzuerhalten.


Das ist ähnlich wie in der akademischen Welt: Es wäre vermessen, von den jungen Menschen, die man fördert, Dankbarkeit zu erwarten. Es ist eher ein "Pay it forward"-Prinzip, man investiert etwas ohne die Garantie einer Gegenleistung. Ein erfülltes Leben ist also oft eines, das Strukturen der Sorge hat.
Denken sie nur an Inge Jens, die ihren Mann Walter jahrelang begleitet hat, während der aufgrund seiner Demenz von einem gleichwertigen Partner wieder zu einem Kind wurde. Es sei schrecklich für sie gewesen, das anzuschauen, und ihre Lebensqualität habe massiv abgenommen, sagt sie. Aber sie hat es getan. Sie hätte auch eine andere Konsequenz ziehen können, schließlich hat ihr Mann zusammen mit Hans Küng ein Buch über "menschenwürdiges Sterben" geschrieben, in dem er seinen Lebenssinn wesentlich über kognitive Leistungsfähigkeit bestimmt hat.


Ist diese von Verantwortung und Sorge getragene Liebe eine notwendige Bedingung für ein sinnerfülltes Leben?


Ja, das sehe ich so. Wenn Sinn nichts mit Sorge und Verantwortung für andere zu tun hat, was bleibt dann noch? Jean Vanier schrieb einmal, einen Menschen zu lieben heiße, Zeit mit ihm zu verbringen. Die Philosophin Iris Murdoch sagt, einen Menschen zu lieben sei wie das Erlernen einer Fremdsprache. Ich glaube, es geht im Leben darum, es in der Kunst des Liebens möglichst weit zu bringen.


Wie ist es mit Fehlern im Leben? Der falsche Beruf, der falsche Partner, die als falsch empfundene Lebensweise - stürzt einen das zwangsläufig in die Sinnkrise?


Das kann natürlich passieren, aber ein geglücktes Leben ist nicht ein Leben, in dem keine Fehler gemacht werden, sondern eines, in dem Fehler fruchtbar gemacht werden. Indem man sich fragt, wie kann ich aus meinen Fehlern lernen.
Was uns Menschen ausmacht, ist gerade die Freiheit, immer wieder neu beginnen zu können. Ein geglücktes Leben zeigt sich auch in der Fähigkeit, mit Fehlern umzugehen, eine Krise als solche zu erfahren, sie auszuhalten und zu überwinden: um so letztlich reifen und wachsen zu können. Das kann auch sehr schmerzhafte Schritte mit einschließen.


Sich für andere, nicht so nahe Menschen einzusetzen, sich gesellschaftlich zu engagieren - wie wichtig ist das für ein erfülltes Leben?


In dem Buch "Ah, but your land is beautiful" von Alan Paton, in dem sich ein schwarzer Südafrikaner dem Apartheidsregime widersetzt, ist das auf den Punkt gebracht. Auf die Frage seiner Familie, ob das nicht viel zu gefährlich sei, sagt er: "Ich muss das machen, denn wenn ich sterbe, komme ich zum Big Boss, und er wird mich fragen, wo sind deine Wunden? Gab es nichts auf Erden, für das es sich zu kämpfen gelohnt hätte?" Das hat viel mit Liebe und Sorge in einem überpersönlichen Sinn zu tun.
Zu sagen "I don't care", mir ist alles egal: Das ist eine Schande in unserer jetzigen Welt. Da gibt es Menschen, die ertrinken im Mittelmeer oder stranden auf Lampedusa, da gibt es Sinti und Roma, die unter unwürdigen Bedingungen leben, es verhungern immer noch viele Menschen. Es gibt genug zu tun.


Wenn jedoch ein Mensch sein Leben als subjektiv sinnerfüllt empfindet, weil er es schlicht und einfach genießt, könnte man ihm das objektiv überhaupt absprechen?


Moralisch ist es sehr ungehörig, jemandem zu sagen: "Was du subjektiv als sinnvoll empfindest, ist es gar nicht" - selbst wenn der Angesprochene den Sinn vor allem daraus ziehen sollte, seine Wohnung immer penibel sauber zu halten. Aber alles hat seine Grenzen. Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Amartya Sen hat einmal betont: "Ein gutes Leben bedeutet, eines zu führen, das ich wertschätze - und für das es auch gute Gründe gibt." Wenn der Sinn des Lebens für manche also darin besteht, Tauben zu vergiften, dann reicht das objektiv nicht für ein sinnvolles Leben.

Letztlich können selbst Terroristen einen großen Lebenssinn finden in dem, was sie tun - und zumindest subjektiv gute Gründe dafür angeben.


Solche Menschen haben häufig sogar ein sehr großes Sinnbedürfnis. Oft sind es unauffällige, durchschnittliche Menschen, die ein nicht sehr aufregendes Leben führen. Durch eine terroristische Tat bekommt ein solches Leben plötzlich eine Tiefe, eine Mission, eine Bedeutung. Daher sind Menschen, die die Sinnfrage so prominent in den Fokus stellen, nicht ungefährlich. Da ist dann auch der Unterschied zu einem Heiligen gar nicht mehr so groß - zumindest wenn es um die Punkte "Erfüllung eines Sinnbedürfnisses" und "Ich setze mein ganzes Leben auf eine Karte" geht.


Braucht man Religion, um ein Leben als sinnvoll zu empfinden? Anders gefragt: Hilft der Glaube dabei?


Manche religiöse Menschen sagen, wenn das Leben wirklich mit dem Tod endet, dann kann es doch nicht sinnvoll sein - es muss noch etwas anderes geben. Philosophen wie Odo Marquard entgegnen dann: "Sei bescheiden in deinen Sinnansprüchen - warum musst du unsterblich sein, um dem Leben einen Sinn zuzusprechen? Denn im Hier und Jetzt nützt dir die spätere Unsterblichkeit gar nichts." Und selbst wenn einer sagt, mein Sinn besteht darin, unsterbliche Werke zu erschaffen, lässt sich entgegnen: Sogar Goethes "Faust" ist irgendwann vergessen, spätestens wenn in Jahrmilliarden das Universum implodiert.


Sie sind Theologe. Wie stehen Sie ganz persönlich zu dieser Frage?


Ich glaube wirklich, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist und dass Gott einen großen Plan hat, in dem jeder Mensch eine Rolle spielt. Ich lebe aus der Hoffnung, dass es jenseits aller kleinen Sinnerwartungen und Sinnerfüllungen, die ausreichen für ein erfülltes und tiefes Leben, auch noch etwas Größeres gibt, in das unser kleines Leben eingebettet ist.


Das hieße aber, allen Atheisten würde ein wichtiger Bestandteil eines sinnerfüllten Lebens fehlen.


Die Wichtigkeit meines Glaubens ergibt sich allein aus meiner subjektiven Einschätzung. Für einen Atheisten würde sie nicht gelten. Daher habe ich großen Respekt vor einem atheistischen Leben. Denn so ein Leben ist in gewisser Weise noch anspruchsvoller, da der Betreffende niemanden im Hintergrund hat, der sein Sinngarant ist.


Letztlich kann aber niemand der Gottesfrage ausweichen?


Man kann sie so oder so für sich beantworten, aber man kann sie nicht ignorieren, wenn man sich und sein Leben ernst nimmt.


Viele Menschen machen heutzutage spirituelle Erfahrungen jenseits des Christentums. Ist das als gleichwertig anzusehen? Oder belächeln Sie manchmal, zu welch skurrilen Auswüchsen die Sinnsuche mitunter führt?


Vor einigen Jahren war ich in einer wirklich großen Sinnkrise. Ich war zutiefst unglücklich, weil wir als Familie nach London gehen wollten und ich meinen Posten in Salzburg gekündigt hatte. Zwei Tage später hatte mein Vater einen Schlaganfall. Und dann war ich allein in London und todunglücklich. Lieber Gott, tu was, dachte ich nur: Du kannst doch alles machen. Aber da kam nichts.
Inzwischen haben die Dinge sich eingependelt. Aber zu der Zeit habe ich mich an jeden Strohhalm geklammert, seither belächele ich nichts mehr, selbst wenn man sich auf heilige Steine oder Ähnliches einlässt.


Sie haben einmal gesagt, ein Tagebuch zu schreiben und sich klar darüber zu werden, wofür man an jedem Tag dankbar ist, könne sehr sinnvoll sein, um sich im Leben zu verorten. Ist das ein Ratschlag für Menschen auf Sinnsuche?


Ratschlag ist vielleicht das falsche Wort. Ich führe ein Tagebuch, allerdings nicht über meine Erlebnisse, sondern über Einsichten und Probleme, die ich habe: ob ich einen Fehler gemacht habe, es einen Gedanken gibt, über den ich weiter nachdenken möchte. Es ist eher ein geistliches Tagebuch.
Daneben gibt es für mich, spirituell gesehen, zwei wichtige Anker im Laufe eines Tages: Wie geht man in den Tag hinein, und wie geht man aus ihm heraus? Mein Vorschlag ist: Spring nicht aus dem Bett und renne wie verrückt herum - bleibe aber auch nicht verzweifelt liegen. Setze eine klare Uhrzeit für das Aufstehen, und bereite dich auf den Tag vor.


Machen Sie das auch so?


Ja, es ist nicht immer leicht für mich, aus dem Bett zu kommen, angesichts der Überlastung, die der neue Tag mit sich bringt. Da hat mir dieser kleine Trick geholfen: mich eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Aufstehen auf den Tag vorzubereiten, vielleicht zu meditieren. Und am Ende des Tages denke ich über den vergangenen Tag nach, finde etwas, wofür ich dankbar sein kann. Ein Grund zur Dankbarkeit am Ende eines schweren Tages kann auch schlicht sein, dass er vorbei ist. Mit einer solchen Vorbereitung und einer Nachbereitung hat man zwei Eckpfeiler, die Halt geben.
Denn so banal es klingt: Ein strukturierter Alltag und gute Gewohnheiten sind für ein erfülltes Leben sehr wichtig.

 

Professor Clemens Sedmak, hält den Lehrstuhl für Moraltheologie und Sozialethik am King's College London und leitet an der Universität Salzburg das Zentrum für Ethik und Armutsforschung. Sedmak ist Autor der Bücher »Geglücktes Leben: Was ich meinen Kindern ans Herz legen will« und »Wie man (vielleicht) in den Himmel kommt«.

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Interview: Claus Peter Simon