Stefanie Stahl lädt uns ein, das eigene Schattenkind kennenzulernen: Wir denken uns zurück in die Kindheit, zu all den Situationen und Menschen, die uns negativ geprägt haben. Nur wer sein Schattenkind annimmt, kann sich von falschen Glaubenssätzen und Prägungen befreien und heilen.

Teil I: Woher das Schattenkind kommt 

Michael war nie eines dieser Kinder, die laut waren oder in der Pause sofort auf den Fußballplatz rannten. Er stand meist am Spielfeldrand und schaute zu, wenn die anderen spielten. 

Mit seinen dunklen großen Augen sah Michael aus wie eine Mini Version von Paul McCartney. Er war sportlich, aber zeigte es nicht, hatte gute Noten, aber sprach nicht darüber. Einmal sollte einer der lauten Jungs einen Verweis fürs Schneeball-Werfen in der Schule bekommen, nicht der erste – und dieser hätte den Schulausschluss zur Folge gehabt. Michael behauptete, er habe den Schneeball geworfen, der Junge durfte bleiben. „Das war echt nett“, sagte der und seitdem lief Michael in der Gruppe der lauten Jungs mit. „Ach, der Michi, der passt schon“, sagte sein Schulfreund später, als sie schon fast erwachsen waren. Doch auf den Fotos, die in seinem Zimmern über dem Bett hingen, war Michael selten zu sehen. 


Michaels Vater Ludwig war Manager bei einem Automobil-Zulieferer, ein Mann der zweiten Reihe, wie er selbst über sich sagte. Sein Chef war gleichzeitig der Patriarch, er hatte das Unternehmen zu einem Weltkonzern ausgebaut. In den ersten Kreis zu kommen, den Sprung in den Vorstand zu schaffen, war das, wofür Ludwig arbeitete. Dafür nahm er viel in Kauf. „Sorry, ich hing noch fest“ wurde zu einem Mantra, das Ludwig fast täglich wiederholte. Zu Michaels Geburtstag, wenn er nach Hause kam, als sein Sohn schon schlief und nur noch die Reste des Topfschlagens zu erahnen waren. Zu Michaels Abiturfeier, an der seine Frau Kathrin alleine im Mittelgang stand und ihren Sohn fotografierte, als er seine Auszeichnung für den besten Abschluss entgegennahm. 
 

Kathrin nahm es hin, dass ihr Mann nie da war, anfangs war sie sogar ganz froh darüber. Er konnte ihr bieten, was sie sich immer gewünscht hatte – ein großes Haus, ein sorgenfreies Leben, schöne Urlaube. „Bilderbuchfamilie“ nannten sie die Nachbarn – und das machte Kathrin froh. Doch irgendwann war Ludwig nicht nur räumlich weg, auch wenn er da war, war er woanders. Sie ahnte, dass es andere Frauen gab. Doch sie wollte nicht riskieren, all das zu verlieren, das Haus, das Leben, das sie sich mit Ludwig aufgebaut hatte. Oft fuhr sie aus der Haut, war ungeduldig, die kleinsten Aufgaben stressten sie. Michael stresste sie. Als er den Verweis wegen Schneeballwerfens nach Hause brachte dachte sie kurz daran, einfach zu gehen. Sollten sie doch sehen, wo sie ohne sie bleiben würden. Doch das war natürlich keine Option, irgendwie musste es weitergehen.  

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Stefanie Stahl

Diplom-Psychologin und Expertin für Bindungsangst

Stefanie Stahl ist Diplom-Psychologin und arbeitet in freier Praxis in Trier. Im deutschsprachigen Raum hält sie regelmäßig Seminare zu Bindungsangst, Liebe und Selbstwertgefühl. Mit ihren Büchern wie „Das Kind in dir muss Heimat finden“ oder „Vom Jein zum Ja“ erreicht sie eine riesige Leserschaft. Die Autorin ist eine häufig angefragte Expertin in Presse und Medien.

Teil II: Das Schattenkind übernimmt die Kontrolle

Jahrzehnte später, Michael war weit über 30 und wohnte in Berlin Mitte. Er sah noch immer ein bisschen aus wie Paul McCartney, kleine Falten zogen sich um die großen braunen Augen. Viele seiner Freunde waren in der Kleinstadt geblieben, ihre Kinder stürmten nun auf den Fußballplatz, auf dem er früher zugeschaut hatte. Auch Michael wollte langsam an Familie denken, seit einigen Jahren wohnte er mit seiner Freundin Sabine zusammen. Er arbeitete viel, hatte Führungsverantwortung. Ein Mann der zweiten Reihe, hätte sein Vater gesagt. Oft lag er abends wach und dachte über den Tag nach, hätte ein Termin besser laufen können, war es seine Schuld, dass ein Kunde abgesprungen war. Waren andere Kollegen besser als er, wer würde es nach oben schaffen. 

In seiner Nachttisch-Schublade lag ein Ring mit einem großen Stein, es war schon über ein Jahr her, dass er Sabine fragen wollte, ob sie ihn heiraten wollte. Damals im Urlaub hatte er ihn schon in der Tasche, auf dem Weg zum Abendessen kam der große Streit. Der Ring blieb im Jackett, wanderte in den Koffer, schließlich immer tiefer ins Nachtkästchen. Er spürte, dass Sabine darauf wartete, dass er sie fragte. Doch je stärker die Erwartung drückte, desto weiter schob der den Ring nach hinten. 

Oft machte er Sabine für Dinge verantwortlich, die er am Tag darauf bereute. Wenn sie seine Lieblingswurst vergaß, um die er sie gebeten hatte, zum Beispiel. Für ihre Schwester, die am kommenden Wochenende zu Besuch kommen sollte, hatte sie eingekauft. Aber seine eine Bitte hatte sie vergessen. Er wurde so wütend, dass er sogar darüber nachdachte, Schluss zu machen. Ich bin ihr eben einfach nicht wichtig, dachte er. Alle anderen haben Priorität, nur ich nicht. 

Michael sah sich als Opfer all dessen. Er arbeitete hart, wollte alles perfekt machen, kaufte die teuersten Klamotten. Er wollte alles kontrollieren, seine Fitness, seine Schritte, wann Sabine wo war, mit wem. Und doch war es nie genug, nie war er glücklich, nie konnte er ankommen. Die Situation mit Sabine wurde immer schwieriger, sie kam immer öfter spät nach Hause und er wusste nicht, wo sie war, da wurde er noch wütender. Am Wochenende fuhr sie zu ihren Eltern, sie schrieb ihm eine SMS, dass sie erst am Montagabend wiederkam. Er konnte nichts dagegen tun. Dann lag Michael alleine da, der Kopf voller Sätze, die ihm das Gefühl gaben, er sei wieder ein Kind.

Michaels inneres Schattenkind hatte die Kontrolle übernommen, über seinen Verstand und über sein Leben. Er stand an einem Scheideweg in seinem Leben. Würde er es schaffen, das Schattenkind zu kontrollieren, hätte er eine Zukunft mit Sabine. Würde er es nicht schaffen, wäre er alleine, der ewige Perfektionist, einsam und unglücklich. Noch lag die Entscheidung bei ihm. 

Kommt Dir die Geschichte bekannt vor? Wie Du solche Verhaltensweisen verstehen und ändern kannst, zeigt Dir Stefanie Stahl in ihrem Online-Video "Das Kind in dir muss Heimat finden".

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